HGB-Rundgang 2020: In guter Gesellschaft – Wo Kultur und Kunst in unsere Räume eingreifen

Daniel Thalheim

Wer Mitte Februar zu den Rundgängen in die Hochschule für Grafik und Buchkunst geht, sieht zunächst das Offensichtliche: die Kunst und ihre Macher. Wer die Räume, Gänge und Säle durchschreitet, an der Party am Eröffnungsabend teilnimmt, kann sich ein wenig als zugehörig fühlen. Das typische Sehen und Gesehenwerden eben. Was nicht sichtbar ist, spielt sich auf anderen Ebenen ab. 

Der Elfenbeinturm ist kaputt

Wer immer noch denkt, Kunst spielt sich nur im Elfenbeinturm des Kunstmarktes ab, Kunststudenten seien nicht in der Realität angekommen, wird angesichts vieler künstlerischen Arbeiten eines besseren belehrt. Dass Kunst durchaus gesellschaftlich-kritische Töne anschlagen kann, beweist die in der Galerie der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst von Adam Szymczyk organisierte und seit Mitte Dezember 2019 sichtbare Ausstellung „1937-2017: Von Entarteter Kunst zu Entstellter Kunst“. Debatten zur Migration öffnen sich, aber auch der propagandistische Gebrauch von Sprache und Bild zur Nazizeit wird kritisch beleuchtet. Der Bogen wird von der auch in Leipzig  1927 durchgeführten Ausstellung „Entartete Kunst“ zur „documenta“ in Kassel geschlagen. Warum?

Inwieweit greift Fremdenfeindlichkeit und nationalistischer Reaktionismus in den heutigen Sprachgebrauch bspw. bei der AfD bzw. der „Werteunion“ der CDU in unsere Wirklichkeit und wird politisch bestimmend, stehen als Fragen im Raum. „1937-2017“ ist die Antwort auf die These eines hessischen AfD-Mitglieds, dass Kunst eines Migranten „entstellt sei“, eben nicht ausgestellt.  Im Kern geht es bei der Ausstellung um Olu Oguibes „Denkmal für Fremde und Flüchtlinge“. Seine Arbeit wurde 2017 während der „documenta 14“ auf dem Königsplatz in Kassel ausgestellt. Auf Oguibes Obelisk stand der Satz „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ geschrieben, viersprachig und für alle sichtbar. Nachdem die Debatte um die „entstellte Kunst“ seitens der blau-roten „Alternativen“ zur Debatte aufgebauscht wurde, verschwand dieser Obelisk von seinem Standort, wurde an eine Brache aus der laufenden Ausstellung „entstellt“. Verwaltung, Oberbürgermeister, Kulturausschuss und die Stadtverordnete beschlossen in einem demokratischen Abstimmungsverfahren die Versetzung des Kunstwerks – ein unerhörter Vorgang wider die Kunst- und Meinungsfreiheit. An der HGB setzen sich, neben Adam Szymczyk, Ilse Lafer, Kilian Schellbach und Arthur Zalewski mit Studierenden aller HGB-Klassen mit diesem Vorgang auseinander. Sie erforschen künstlerisch warum das nationalistische Becken, wo heraus reaktionäre Ideen, ihre Sprachen und Ideen nach knapp 80 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und der Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen geboren werden, immer noch fruchtbar ist. Man könnte angesichts der künstlerischen Arbeiten und im Umfeld geführten Debatten in der Leipziger Hochschule auch fragen, inwieweit Fremdenfeindlichkeit bereits in der DNA des „Deutschen“ eingewoben ist, weshalb solche Fragen uns heute immer noch beschäftigen müssen. Spätestens mit der „documenta 14“, aber auch um die 2019 in Leipzig nur von den Medien geführte Diskussion um die Leipziger Jahresausstellung und wie man mit reaktionär denkenden Künstlern umgehen will, oder auch nicht, ist das Problem des Gespenstes der Vergangenheit in der Kunst angekommen. Die in der HGB durchgeführte Performance-Ausstellung wird zum Rundgang in einer vierten Version gezeigt. Außerhalb des Klassensystems und Fächerkanons präsentiert das Ausstellungsprojekt wie fachübergreifend und durchlässig an der HGB gedacht wird und welche aktuelle Themen in die Kunst einfließen und kritisch gedacht werden.

Kunst sitzt im Elfenbeinturm? Schon lange nicht mehr. Mit der noch laufenden Ausstellung hat das HGB Supportbüro seine Finger mit im Spiel, um den Ausstellungsmachern bei der Professionalisierung zu helfen.

Die Hochschule bereitet auf das künstlerische Leben vor

„Bei uns werden die Studierenden auf ihren künftigen Werdegang vorbereitet“, sagt Thomas Locher, Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig im Hinblick auf das HGB eigene Supportbüro, einem ergänzenden Lehrangebot der HGB zur Professionalisierung künftiger KünstlerInnen. Dieses Angebot wird den Studierenden nicht aufgedrückt, sondern gibt professionelle Unterstützung bei zu planenden Projekten. Im Rahmen der Hauptstudiums wird den Studierenden so das Einmaleins des Rechnungswesens beigebracht: wie rechnet  man Steuern ab, was macht die Künstlersozialkasse, wie versichert man sich richtig ab, was heißt Urheberrecht. Durch die Ausstellungspraxis wie Rundgänge, Diplomausstellungen und Klassenausstellungen lernen sie schon einiges kennen. Doch viele sind auch ohne die Hilfe der HGB schon in den Off Spaces unterwegs, kommen durch ihre Kontakte überregional in Ausstellungen und Projekten unter. „So sammelt sich eine Erfahrung zusammen, die sich am Ende des Studiums wirklich sehen lassen kann“, so Locher zu einigen Aspekten zur den Lehrveranstaltungen an der HGB und wie Studierende nach dem Studium flügge werden können. Auch der Weg von der Idee zum Werk wird an der HGB gelehrt. Vielfalt spielt bei der Lehre eine große Rolle. Locher stellt heraus, dass individuelle künstlerische Positionen während des Studiums heraus gekitzelt werden. „Leipzig hat das große Glück, eine große Off Space Kultur zu haben, ein lebendiges Galeriewesen zu besitzen und große kunstaffine Institutionen ihr Eigen nennen darf“, bemerkt der HGB-Rektor im Hinblick auf die Kooperationen seines Hauses mit u.a. dem GRASSI Museum, GfzK und der Halle 14 auf dem Spinnereigelände. ProfessorInnen organisieren Ausstellungen für ihre Studierenden. „Hier tut sich was!“

Im Hinblick auf Diplomausstellungen und den diesjährigen Rundgang ist es für Rektor Locher wichtig, wie sich die Studierenden präsentieren, und das sei in diesem Jahr „wieder richtig toll!“

Wo ist die kulturelle DNA im sächsischen Land?

Wenn HGB-Rektor Thomas Locher über ein anderes künstlerisches Projekt spricht, hellt sich seine Miene auf. „Wir brachen mit dem ‚Kino in Bewegung‘ in Gegenden auf, wo früher eine Kinokultur herrschte und wo es auch noch Leute gibt, die diese Kultur noch kennen“, sagt Locher zur letztjährig stattgefundenen Kooperation des HGB-Projektes mit lokalen Initiativen, die in u.a. Glauchau und Chemnitz sich niederschlug und von u.a. Carsten Möller und Prof. Clemens von Wedemeyer organisiert wurde. Sie veranstalteten gemeinsam mit Akteuren vor Ort Kinoabende und führten kleine Events durch. Kino als gemeinsamer kultureller Nenner wurde so mit einem ortsspezifisch kuratierten Kinoprogramm unterlegt. Gezeigt wurden nicht etwas US-amerikanische Blockbuster sondern künstlerische Kurzfilme mit unterschiedlichen Themen zwischen der Verarbeitung des Sozialismus‘ in Bulgarien und von frustrierten Migranten im Dorf Vockerode in Sachsen-Anhalt, weil sie nicht arbeiten durften. Man ging 2019 so auf die Spuren fehlender Infrastrukturen im ländlichen Raum. Aufgrund dieses Ansatzes war das Projekt ein zutiefst politisch aktuelles Thema, das KünstlerInnen auf ihre Weise anfassten. 

In die Zukunft geschaut, wird der diesjährige Rundgang an der HGB sicherlich viele Impulse setzen. Bis zum 16. Februar war die Hochschule ein einziger Ausstellungsraum, wo u.a. Malerei, Medienkunst, Fotografie, Grafik, Typografie und Installationen auf ihre Betrachter warten.

Rundgang HGB

Eröffnung 13. Februar 18 Uhr

Öffnungszeiten:

13.02.: 13.02.2020: 18 – 22 Uhr

14.02.2020 & 15.02.2020: 11 – 22 Uhr

16.02.2020: 11 – 18 Uhr

 

Bildtitel: Petersburger Hängung in Leipzig – die HGB zeigt sich in diesem Jahr so bunt und vielfältig wie nie zuvor (Foto: Artefakte 2020)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s