Atelierbesuch bei Sten Gutglück – Warum klassische Malerei modern sein kann

Daniel Thalheim

Sten Gutglück ist ein Meister seines Fachs. Seine gegenständlichen Werke strotzen vor Können und Symbolismus. Der aus Rügen stammende Künstler lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Leipzig. In der Galerie Schwind haben seine Bilder ein Zuhause gefunden. Er befindet sich dort in guter Gesellschaft unter Meistern wie Ulrich Hachulla, Markus Matthias Krüger, Michael Triegel und Wolfgang Mattheuer.

Es ist einer der diesigen Novembertage, die Leipzig in ein kaltes Grau hüllen als Sten Gutglück die Tür zu seinem Atelier im Leipziger Osten öffnet. Die Gegend um den Volkmarsdorfer Markt war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts als das „rote Leipzig“ bekannt. Kommunistenführer Ernst Thälmann (1886-1944) schwang hier seine Reden. In der Zeit der Friedlichen Revolution spielten in der Lukaskirche Punkbands. Neo Rauch besaß in den Achtzigerjahren hier eines seiner ersten Domizile. Entlang der Wurzener Straße wurden Baulücken mit Neubauten geschlossen. Außer dass Autos und Straßenbahnen durch die Straße donnern, ist hier nichts belebt.

Der 1982 auf Rügen geborene Künstler empfängt mit Kaffee und der wohligen Wärme des frisch geheizten Ofens. Vor zehn Jahren begann er sein Malereistudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, war bis 2018 Meisterschüler von Annette Schröter. In der LVZ wurden seine Bilder als „Bestiarum in Terpentin“ bezeichnet. An der Malwand des Ateliers prangen Motive, die überhaupt nicht bestialisch wirken. Ein Mädchen im Anorak vor einem mit Herbstlaub bedeckten Tümpel, eine Frau in Rückenansicht, die in ein Gehölz zu gehen beabsichtigt. Daneben hängen zwei „Stilleben“ mit aus Kieferabdrücken konstruierten Schädeln und Lilien – gemalt, versteht sich, gepaart mit anderen Motiven. In Sten Gutglücks Werk schwingt der alte Gedanke des „Memento Mori“ mit. Während seine figürlichen und anspruchsvollen Arbeiten technisch an Bilder des realistischen Malers Wilhelm Leibl (1844-1900) erinnern, strotzen beide Schädeldarstellungen vor expressionistischer Kraft. In jüngerer Vergangenheit, wie in seinem Werkkatalog der Galerie Schwind, wurden Gutglücks Arbeiten aufgrund ihrer Komposition und Motive den Prunkstilleben von Willem Kalf (1619-1693) oder Pieter Claesz (1596-1661) in die Nähe des Barock gerückt.

Gutglück schöpft aus alten künstlerischen Techniken und aus der Kunstgeschichte, um seine Kompositionen aufs Tuch zu bannen. „Ich wollte eigentlich nie Künstler werden“, sagt der Maler im Hinblick auf seine Biografie. 

Sten Gutglück tritt 2020 mit neuen Bildern in die Öffentlichkeit. (Foto: 2019)
Sten Gutglück tritt 2020 mit neuen Bildern in die Öffentlichkeit. (Foto: 2019)

Er ließ sich zunächst als Bühnenmaler in Greifswald ausbilden. Der Schöpfer außergewöhnlicher Bilder ergänzt, dass er einfach nur gern malt. Er unternahm die Ausbildung, weil er nicht den Plan fasste, als freier Künstler zu arbeiten, versprach sich von der Bühnenmalereitätigkeit ein sicheres Einkommen und eine Basis für seine Malerei. Außerdem lernte er, wie man gezeichnete Motive, Skizzen und Fotografien über gesetzte Raster vergrößert und umsetzt. „Dass aus meiner Arbeit sich etwas entwickelt lag in der Ursache begründet, dass man mich für ein Studium für Theatermalerei in Dresden abgelehnt hatten. Als sie mich ein Jahr später doch annahmen, war ich bereits in Leipzig immatrikuliert“, beschreibt Gutglück, dessen Name im übrigen mittelalterliche Wurzeln zu haben scheint, wie ihm eine Namensforscherin mitteilte, seinen Weg an die HGB. Die Basis Theatermalerei verbindet ihn im übrigen auch mit dem Dresdner Maler Gerhard Richter, der seinen Weg zum Kunstschaffenden bewusst eingeschlagen hat. Im Grundlagenstudium änderte sich Gutglücks Plan, kein Künstler sein zu wollen, letztendlich. 

„Ich musste mir `die Hände brechen`, um das bisher Erlernte wegzuwerfen und neue Techniken auszuprobieren“, gibt der Maler einen Einblick in das Grundlagenstudium der HGB, wie zurzeit zeichnerische Talente ausgebildet werden. „Ich lernte dort, ohne Vorgaben zu arbeiten, und freie Motive zu wählen.“ 

Seine Aufnahme in die Meisterklasse von Annette Schröter und sein Start bei der Galerie Josef Filipp waren die nächsten Schritte in ein unabhängiges Künstlerdasein. „Schon während des Studiums bereits Künstler zu sein, ist nicht immer löblich, sagte Annette Schröter zu mir damals, … `Lassen Sie sich nicht verheizen!`“, sagt Gutglück und meint lächelnd, dass man natürlich die Chance wahrnimmt, um weiterzukommen. Auch er kämpfte mit Höhen und Tiefen, ist aber im Künstlerdasein angekommen. In Leipzig arbeitete er eine Zeit lang auch im Bühnenmalerbereich weiter, um sich eine sichere Basis zu schaffen. Dass der Broterwerb nicht immer einfach ist, bestätigt Sten Gutglück auch. 

Drei bis vier Wochen benötigt er, um ein Gemälde fertigzustellen. Um an seine Motive zu kommen, bedient der Künstler sich von mitgebrachten Memorabilia von Flohmärkten und eigenen, zu Studienzwecken gemachten, Fotografien von Gegenständen und Menschen. Fotografien helfen ihm als Erschaffer verschlüsselter Gemälde dabei, seine Motive zu entwickeln. Oft geht er stundenlang auf Pirsch, um die richtigen Dinge auf den digitalen Chip zu bannen. Trotz seiner altmeisterlich anmutenden künstlerischen Techniken und Gemälde ist Gutglück auch ein Maler im Hier und Jetzt. „Jedes Stilleben von mir beinhaltet ein Stück weit Geschichten jedes Gegenstandes“, sagt Gutglück zu seinen Werken. Er könnte, wie er meint, zu jedem Gegenstand eine Geschichte erzählen. Die Gegenstände in seinen Kompositen haben nichts miteinander zu tun. „Vieles ist Kitsch aus einem schwedischen Möbelhaus.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s