Null Verständnis: Wie Leipzig seine Szene-Kultur verspielt

Burkhard Jung (OBM von leipzig) und Falk Elstermann (Sprecher für Soziokultur von Leipzig + Kultur und naTo-Geschäftsführer) (Daniel Thalheim)
Burkhard Jung (OBM von leipzig) und Falk Elstermann (Sprecher für Soziokultur von Leipzig + Kultur und naTo-Geschäftsführer) (Daniel Thalheim)

Ein Kulturbürgermeister und die Leipziger Kultur. Ein zweischneidiges Schwert. Sein Brotherr ist Kulturoberbürgermeister und hat in allem das letzte Wort. Einen Stadtratsbeschluss muss man loswerden und am Besten die Freie Szene ruhig halten. Aber was ist, wenn Leipzigs OB Burkhard Jung die Rechnung ohne den Wirt macht? Die Freie Szene hat dafür „Null Verständnis“.

Es ist eine alte Redensart, die zugleich eine weise ist: „Die Rechnung ohne den Wirt machen“ besitzt viele Interpretationsmöglichkeiten. Die allgemein geläufige Lesart: Jemandes Einverständnis zu einer Sache nicht einholen, oder ihn zu übergehen obwohl es auf dessen Stellungnahme ankommt. Oder man ignoriert jemanden, dessen Meinung eigentlich wichtig ist. Für Politiker ist die Phrase besonders verhängnisvoll. Zum Wahlkampf werden sie an ihre Handlungen erinnert. „Leipzig plus Kultur“, die Initiative für Leipzigs Freie Szene macht es schon jetzt.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung ist aus der Sicht der Leipziger Initiative „Leipzig plus Kultur“ so ein Mann, der die Leipziger Kulturangelegenheiten mit einer so anderen Brille betrachtet als die Betroffenen seiner Politik. Jung hat das Fortkommen der kommunalen Theaterbetriebe im Blick. Erhalt um jeden Preis? Zugeständnisse macht er vor der OBM-Wahl jedenfalls gern. Was ist aber mit der qualitätsvoll ebenso gut aufgestellten Freien Szene? Für Burkhard Jung nur ein notwendiges Übel? Den Eindruck bekommen die freien Kulturschaffenden von der aktuellen Stadtpolitik gegenüber der Freien Szene.

Vor allem als Kulturdezernent Michael Faber zusammen mit der Kulturamtsleiterin Susanne-Kucharski-Huniat am 16. Mai vor Vertretern der Presse und der Freien Kulturszene traten und mit einer Verwaltungsvorlage vom 2008 gefassten Stadtratsbeschluss öffentlich abrückte, den Burkhard Jung laut naTo-Geschäftsführer Falk Elstermann schon bei der Beschlussfassung offen in der Ratsversammlung ablehnte. Laut Ratsbeschluss, dem die Stadtratsfraktionen mehrheitlich zustimmten, sollte bis 2013 die Freie Szene fünf Prozent der finanziellen Mittel des Gesamtkulturetats erhalten. Ganz gleich ob der Etat schrumpft oder wächst.

Für Elstermann ist dieser Beschluss auch der soziale Beitrag den die Freie Szene leisten kann, wenn es mal der Stadt finanziell schlecht geht. Das will Burkhard Jung aber nicht. Sein kastrierter Kulturlaufbursche Michael Faber anscheinend auch nicht. Ihm wurden ja die Kompetenzen für die Theaterbetriebe Leipzigs aberkannt. Er kann entweder die Ratspositionen in Sachen Freie Szene oder will sie nicht gegenüber seinem Brötchengeber durchsetzen. Warum auch? Verwaltungsspitze – die andere Seite des Ufers, ätsch bätsch. Selbst die Leipziger Fraktion „Die Linke“ scheint unglücklich mit ihm zu sein. Also bot er den freien Kulturmachern in Leipzig jenen faulen Kompromiss an, den alle Ratsfraktionen außer SPD und CDU offen kritisieren. Bis 2015 soll die Freie Szene nur insgesamt 5 Millionen Euro für ihre Arbeit pro Jahr erhalten und soll so von den Etatentwicklungen abgehängt werden.

„Wie Michael Faber den Stadtratsbeschluss versteht, nach dem die freie Kultur ab 2013 mit 5 Prozent vom Kulturhaushalt Leipzigs gefördert werden soll, hatte er schon beim letzten Runden Tisch am 3. Mai klar geäußert. Seiner Ansicht nach sollte es eine feste Fördersumme für die “Freien” geben und vom Prozentgedanken abgerückt werden. Dass diese Festsumme kleiner ausfallen würde als die angestrebten 5 Prozent und dass sie später bei den Empfängern ankommen sollte, bezeichnete er als guten Kompromiss in Anbetracht der Haushaltssituation Leipzigs. Umstrukturierungen im Kulturetat lehnt Michael Faber ausdrücklich ab“, heißt es seit dem 22. Mai erneut aus der Initiative „Leipzig plus Kultur“. Sie forderte stets die 5 Prozent, eine Umstrukturierung des Kulturetats und eine neue Fachförderrichtlinie.

Faber und Jung könnten mit ihrem Vorstoß ins Dilemma kommen. Der bürgermeisterlichen Vorlage will sich niemand anschließen. Laut Initiativensprecher Torsten Reitler und in der Öffentlichkeit bereits vom Kulturausschussvorsitzenden Wolfram Leuze kund getan, stößt die am 16. Mai eingebrachte Vorlage ganz klar auf Ablehnung im Fachausschuss Kultur, bei den (meisten) Stadträten und freilich auch in der Freien Szene. Faber und sein Kulturwolf im Schafspelz Burkhard Jung haben kein Interesse etwas zu Gunsten für die Freie Szene zu ändern, so die Kritik von Reitler. Stattdessen spricht Leipzigs Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski- Huniat von Sicherheit, wenn 900.000 Euro bis 2015 an die Freie Szene fließen sollen. Damit meinte sie freilich nicht die förderfähigen Projekte, die erst Leipzig zu einer quirligen und lebendigen Kulturstadt machen. Ihr geht’s um Strukturen. Sie will in die Sanierung der soziokulturellen Zentren „Anker“ und „Conne Island“ das Geld verwenden und ein zentrales Theaterhaus in der Schaubühne Lindenfels schaffen.

Was für Kucharski-Huniat und Faber, so zitiert Torsten Reitler die Kulturamtsleiterin, „der Spatz in der Hand“ ist, wird für die freie Kulturszene in Leipzig die „Katze im Sack“. Das Heilsversprechen auf bessere Zeiten verknüpfen Kucharski-Huniat und Faber mit einer Milchmädchenrechnung, aus der der 900.000-Euro-Hüpfer von derzeit 4,1 Millionen Euro Fördersumme auf 5 Millionen Euro plötzlich 1,8 Millionen Euro und ausgegebene Summen vom Vorjahr einfach mal mit hinein gerechnet werden. Beim Nachhaken, woher das Geld denn her kommen soll, antwortete man zunächst mit einem langen Schweigen und einem Schlucken. Dann der Verweis auf Jung. Er segnete die Vorlage ab. Und das sei Verwaltungsmeinung. Schon jetzt kräht laut „Leipzig plus Kultur“ der Zaunkönig aus dem Laub. Reitler befürchtet, dass durch die Vorlage des Kulturdezernenten nicht nur der bestehende Ratsbeschluss aufgehoben wird, das Kulturdezernat gibt auch die Gesprächsbasis der vergangenen Jahre gegenüber der Freien Szene auf, oder setzt sie zumindest auf dem Spiel.

Spätestens jetzt bekommt die Leipziger Kulturpolitik ein Geschmäckle von Mäzenatentum. Jung als Stadtoberhaupt mit offener Hand, deren Geldregen die Intendanten von Oper, Gewandhaus, Stadttheater ruhig stimmen soll und auf der anderen Hand die milde Gabe an die Armen und Zurückgebliebenen, die sich so viel abstrampeln können wie sie wollen. Sie machen ihre Sache gut, aber,… na ja, … die paar Krümel schlucken sie auch schon. Hungrig sind sie immer und die große Klappe haben sie eh‘. Egal wie viel man ihnen gibt, mag sich Leipzigs Strahlemann auf dem Oberbürgermeisterthron denken. Der Spatz in der Hand, … so so.

Der Initiative „Leipzig plus Kultur“ stößt die frappierende Nähe der Vorlage mit dem Unbill des Oberbürgermeisters zur Leipziger Freien Szene sauer auf. Und eigentlich ist es klar. Faber ist wie schon 2010 öffentlich gemutmaßt worden, der Grüßaugust der Leipziger Kulturpolitik, wohingegen sich König Jung im Kulturreigen Leipzigs sonnt. Als Macher im Innern möchte sich Jung glänzend aufstellen. Gegenüber der Landespolitik sieht es mit der Kultur und Jungs Versprechen etwas gegen die Kulturraumgesetzesnovelle zu tun und sich für Leipzigs Kultur in aller Breite einzusetzen eher mau aus. Außer Leipzig als Weltkulturerbe und Kulturhauptstadt Europas kommt nicht viel. Schlechte Erfahrungen, die andernorts gesammelt wurden, blendet man sachkundig aus. So auch für Leipzigs Kulturpolitik.

Reitler: „Burkhard Jung hat als Ergebnis des Actori-Gutachtens vorgeschlagen, den Eigenbetrieben 2,7 Mio Euro mehr zu überweisen. Burkhard Jung hat Michael Fabers Vorschlag zur freien Szene – den Bruch des Stadtratsbeschlusses – abgenickt.“ Die Vorwürfe reichen auch bis zur Intendantensuche fürs Leipziger Schauspiel. Hier haben sich Jung und Faber über die Entscheidung der Findungskommission hinweg gesetzt, statt Volker Lösch den Chemnitzer Schauspieldirektor und einstigen Alfons-Zitterbacke-Darsteller Enrico Lübbe an die Öffentlichkeit gehievt, dessen Vertrag in Chemnitz erst in zwei Jahren auslaufen soll. Schon jetzt in den Augen einiger Leipziger Kulturmacher und der Findungskommission eine Farce, die unnötig Leute verbrennt.

„Ist das die offene Diskussion auf der Suche nach zukunftsweisenden Ergebnissen, die in Leipzigs Kulturpolitik immer wieder angemahnt wird?“, fragt Torsten Reitler mit ironischem Unterton. Kleine Erinnerung am Rande. Falls der Ratsbeschluss nicht bis 2013 voll umgesetzt wird, straft nicht nur ein Teil der Leipziger Wählerschaft bei den OBM-Wahlen Burkhard Jung ab. Es könnte der Leipziger Stadtverwaltung auch eine Klage von der Landesdirektion Leipzig drohen. Deswegen haben es Faber und Jung so eilig, dass der ursprüngliche Ratsbeschluss so schnell wie möglich aufgehoben wird. Grüne, Linke und FDP sagen bereits öffentlich Nein zur eingebrachten Vorlage vom 16. Mai. Wann folgen CDU und SPD – oder schreiben sie bereits mit Burkhard Jung und Michael Faber die Rechnung ohne den Wirt? Wer’s glaubt wird selig.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s