Im Dienst der Malerei: Lee D. Böhm im Ateliergespräch


Von Daniel Thalheim

Leipziger Szenekennern wird sie als Sängerin der Elektro-Formation Westwerk bekannt sein. Inzwischen ist die Band Geschichte, HGB-Absolventin Lee D. Böhm kehrte zur Malerei zurück und hat es sich in einem Atelier in der Leipziger Gießerstraße gemütlich gemacht. Bei Kaffee und Kuchen erzählt sie über ihren künstlerischen Weg und ihre künstlerische Intentionen.

Lee, wer bist Du, woher kommst und wohin gehst Du?

Ich bin Malerin, lebe und arbeite in Leipzig. Ich komme aus dem Universum und gehe dahin zurück … (Lacht). Nein! Quatsch! Was für eine Frage! Ich gehe natürlich meinen Weg in der Malerei, erkunde sie und lass mich überraschen, was mich hier erwartet.

Was willst Du genau erkunden?

Im Grunde eine moderne Variation des kritischen Realismus aufmachen, wie es ihn schon einmal im 19. Jahrhundert gegeben hat. In der Literatur ist die Richtung auch durch Guy de Maupassant vertreten, in der Malerei durch die russische Künstlergruppe „Peredvishniki „, der auch Ilja Repin und Ivan Shishkin angehörten. Ich will das Ganze noch ein wenig psychologischer halten mit surrealistischen Einsprengseln.

Hört sich schwer tragend und kunstgeschichtlich an. Wo ist Lee Böhm bei der theoretischen Unterfütterung?

Es geht mir darum, Geschichten zu erzählen, Ängste zu verarbeiten. Zum Beispiel die Angst vorm Krieg. Auch wenn wir ihn augenblicklich nicht hier erleben und Leute zweifeln, dass Krieg hierzulande noch einmal stattfinden wird, sehe ich doch weltweit die Konflikte und Kriegsherde.

Und persönliche Ängste?

Verlustangst. Es gibt von mir ein Bild namens „Fluchtversuch“. Darin versuche ich mit allem, was mir lieb und teuer ist, irgendwohin zu flüchten. Eigentlich gibt es keinen Platz, wohin man flüchten kann. Das ist mir natürlich klar. Ich versuche in meinen Gemälden, ein scheinbares Idyll aufzuzeigen, Dinge zu bewahren – vorzugsweise aus meiner eigenen Kindheit.

Warum machst Du das?

Es ist ein wenig, als sammele ich Erinnerungen ein. Ich fotografiere auch sehr viel.

Interessant!

Nun ja, … ich versuche etwas aufzuhalten, das mir sowieso entgleitet.

Was entgleitet Dir?

Die Zeit! Fotografie macht eigentlich das, was nicht funktionieren kann – die Zeit für einen Moment einfrieren. Das ist wie ein Festhalten-Wollen. Bei der Malerei kann man – anders als bei der Fotografie – in eine Traumtheaterwelt entfliehen.

Was war der Auslöser für Deine Malerei?

Ich war schon immer Malerin – seit ich fünf Jahre alt bin. Die Musik tat sich während meines Studium in den neunziger Jahren nebenbei auf, wurde dann immer wichtiger in meinem Leben. Ich wollte mit Westwerk sehen, was ich noch alles kann. Meine Hybris! (Lacht)

Och nö…

(Lacht) Irgendwann hieß es dann wieder „Back to the roots“. Kurz vorm Tod sozusagen! (Lacht)

Geht uns das nicht allen so?

Wenn man dem Tod langsam näher kommt und das Gefühl bekommt, das einem Dinge langsam entgleiten, die Jugend langsam dahin schwindet, …

Hälfte des Lebens … Friedrich Hölderlin thematisierte das schon. Oder die alten Griechen.

So etwas, genau! Man versucht immer etwas festzuhalten und zu bewahren, zu hinterlassen.

Bis dann der Schrottcontainer vorm Haus aufgestellt wird …

Wenn keiner die Hinterlassenschaften von einem pflegt… Ich will natürlich etwas hinterlassen, das länger lebt als ich selbst. Das ist natürlich eine Illusion. Wenn ich Glück habe, geht es den Bildern vielleicht besser als mir selbst in vierzig bis fünfzig Jahren. Ist das Quatsch?

Nein! Das erinnert mich irgendwie an das, was ich mal mit meiner Beschäftigung mit frühbarocker Philosophie las. Wo es um Zukunftsängste geht. Also Ängste, die eigentlich nicht existieren dürften, weil die – von uns befürchteten – Situationen noch gar nicht eingetroffen sind. Das lähmt uns in unserem Handeln. Melancholie eben, Depression.

Klar, wenn man vor allem Möglichen im Leben Angst hat, was noch nicht eingetreten ist … das Phänomen tritt oft bei Soziophobikern auf. Aus Angst vor Ablehnung gehen sie gar nicht erst auf andere Menschen zu und vermeiden jedwede ähnliche Situation. Das führt in eine selbst gewählte Isolation und damit in eine Depression.

Zum Glück ist das bei Dir nicht so!

(Lacht) Ich beackere andere Ängste. Verlust, Altwerden, Verfall, Sehnsucht nach Geborgenheit. Die tritt aber nicht ein. Angst vor Ablehnung spielt auch mit hinein. Da drüben stehen zwei Bilder, die das thematisieren. Eins heißt „Older“, das andere „Nur der Berg hört zu“. Bei letzterem geht es darum, wie man sich mit Live-Musik blamieren kann. Komponieren war immer eine Stärke, aber die Performance war immer schwierig (Atmet tief durch) … „Nur der Berg hört zu“ zeigt die Angst, dass mir niemand zuhört außer der Berg eben. Zugespitzt gesagt: Werde ich nicht mehr akzeptiert, wenn ich eine olle Faltenfrau bin? (Lacht)

Schau Dir meine Falten an.

Du hast überhaupt keine!

Das wollte ich hören! Nach deiner Ausstellung im März und April in der sju-Galerie: Wie geht es bei Dir weiter?

Im Moment würde ich mir wünschen, dort als Stammkünstlerin geführt zu werden. Die Galerie ist noch im Aufbau begriffen, richtet sich in Berlin eine weitere Vertretung ein und hat viel versprechende Kontakte. Für Künstler wie mich sind das gute Aussichten. An einer dauerhaften Zusammenarbeit bin ich auch deshalb interessiert, weil ich sowohl Juliane Ehrlicher als auch Gert Schröder persönlich mag.

Und künstlerisch?

Ich bleibe der figürlichen Malerei treu. Es bleibt beim Geschichten erzählen. Derzeit experimentiere ich mit Techniken und überlege, ob ich nicht auch mit Kasein malen könnte.

Was ist Kasein?

Das ist eine Art Quarkbindemittel. Pigmente können mit verschiedenen Bindemitteln gemischt werden. Da gibt es Öl, Ei und Wasser als Bindemittel. Bei Kaseinmalerei wird Quark mit Sumpfkalk, Wasser und Leinölfirnis vermischt. Da hat jeder Künstler, der damit umgeht, sein eigenes Rezept. Wurde früher auch für Wandmalereien verwendet. Kasein ist extrem widerstandsfähig für Außen- und Innenbereiche.

Und thematisch – wohin führt dich dein Weg?

Vielleicht nicht mehr zu ganz so düsteren Bildern wie vor zwei Jahren. Aber das kann ich nicht beeinflussen. Wenn mir wieder etwas entschlüpft, wo die Leute sagen: „Oh, das ist für meine Kinder viel zu düster. Das kann ich mir nicht kaufen“, muss mir das egal sein.

Künstler malen ja nicht für Kinder- und Wohnzimmer…

Ich würde das gar nicht so eng sehen. Es gibt viele Künstler, die Kunst so elitär betreiben und nur für Sammler und Museen malen. Der Begriff „Sofakunst“ wird ja prinzipiell entwertend betrachtet. Ich finde das Wort ganz prima. Ich würde den Sinn total drehen wollen. Menschen, die ihr Bild für ihr Sofa kaufen, ist Kunst so wichtig, dass sie sich das Gemälde täglich anschauen wollen. Das ist doch wunderbar! Natürlich steckt dahinter eine gewisse Bürgerlichkeit.

Eine Freundin von mir kaufte auch mal ein Bild von mir und hängte es dann über das Kinderbett ihres Sohnes.

Spannend!

Es war aber düster.

Sie ist aber mutig! Wollte das Kind das auch so?

Ich glaube, es hat sich daran gewöhnt. Hab kein Kontakt mehr.

Meine Tochter sagte zu mir, dass sie in die eine oder andere Ausstellung gar nicht mitkommen möchte. Sie hat keine Lust, immer nur graue und langweilige Bilder zu sehen.

Echte Kunstbewegungen wie die im 20. Jahrhundert gibt es gar nicht mehr.

Das wird schon noch kommen. Der Pessimismus, der gerade vorherrscht, ist nur eine Sackgasse.

Gibt es einen neuen Optimismus?

Ich weiß nicht. Aber Malerei stirbt nicht aus. Es gibt immer Leute, die malen. Man muss doch nicht immer wieder neue Kunstrichtungen erfinden. Die Leute sollen erst einmal ordentliche Bilder malen. Man muss nicht gleich die ganze Welt mit seiner Kunst verändern. Erst einmal ein ordentliches Bild abliefern, das ist mein Anspruch. Gut mit Form, Farbe und Komposition umgehen …

… ein Appell nach draußen?

Ja, wahrscheinlich … ist schon schwer genug. Wenn man das schafft, hat man hundert Prozent erreicht. Wenn man dazu noch sehr talentiert ist und die Ideen hat, hat derjenige schon fast gewonnen. Wenn etwas gut ist, wird es immer bemerkt, würde ich behaupten.

Gutes Schlusswort. Danke für das Gespräch.

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